Studie dokumentiert europaweite Unterversorgung von Schmerzpatienten

Jeder fünfte Europäer lebt mit quälenden chronischen Schmerzen. Jährlich gehen europaweit fast 500 Millionen Arbeitstage durch chronischen Schmerz verloren. Das kostet die europäische Wirtschaft mindestens 34 Milliarden Euro. Die reinen Kosten können den wirklichen Verlust an Arbeitskraft jedoch nur andeuten. Chronischer Schmerz, der nicht behandelt wird, kann das Leben der Betroffenen massiv beeinträchtigen oder sogar zerstören – ihre Arbeitsfähigkeit reduzieren, ihre Freizeitgestaltung einschränken, das Familienleben belasten und oft als Folge Depressionen und soziale Isolation auslösen.

Die verbesserungswürdige Situation von Schmerzpatienten bestätigt PainSTORY (Pain Study Tracking Ongoing Responses for a Year). Im Rahmen dieser Studie wurden 294 Patienten aus 13 europäischen Ländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Schweden, Schweiz, Spanien, UK) über einen Zeitraum von zwölf Monaten zu ihrem Leben mit dem Schmerz befragt.

Wenn Schmerzen ein Gesicht hätten …

Tagebücher, Erlebnisberichte und Illustrationen der Befragten geben einen sehr persönlichen und emotionalen Einblick in das Leben dieser Patienten. Wenn Schmerzen ein Gesicht hätten, würde dies bei vielen weinen und damit ihre große Traurigkeit dokumentieren.

„Die Studie zeigt, wie es tatsächlich ist, den ganzen Tag, jeden Tag, 365 Tage im Jahr, mit starken Schmerzen zu leben“, sagt Christine Liebers, Diplom-Psychologin vom Marktforschungsinstitut Ipsos in Hamburg, welches die Studie betreut hat.

Unzureichende Schmerztherapie

Nach einem Jahr haben trotz Behandlung noch 95 Prozent der Befragten mittelstarke bis starke Schmerzen. 19 Prozent finden sogar, dass ihre Schmerzen stärker geworden sind. Trotz quälender starker Schmerzen sind am Ende der Studie nur 12 Prozent der Befragten auf starke Opioide eingestellt. 25 Prozent geben an, ein schwaches Opioid einzunehmen und 43 Prozent erhalten Nicht-Opioide. Obwohl 83 Prozent verschreibungspflichtige Schmerzmedikamente einnehmen, geben 30 Prozent an, auch auf selbst gekaufte Medikamente zur Schmerzlinderung zurückzugreifen. Zudem wurden nur 23 Prozent der Patienten innerhalb des Jahres auf ein stärkeres Schmerzmedikament umgestellt. 64 Prozent glauben jedoch fest daran, dass sie die bestmögliche Therapie erhalten. Knapp 60 Prozent sind sogar der Meinung, dass alles getan wird, um ihnen zu helfen. Aber: Es bestehen große Compliance-Probleme, denn jeder fünfte Befragte nimmt seine Schmerzmedikamente nicht so ein wie verordnet. Der Grund: Fast die Hälfte der Patienten berichtet über Nebenwirkungen der Therapie. Diese beeinflussen nach Angaben der Befragten den Alltag und führen so zu weiteren Problemen. Zudem nehmen viele ihre Schmerzmedikamente nicht regelmäßig ein, sondern nur dann, wenn der Schmerz extrem stark ist. Auch beklagen sie, dass die Medikamente nicht helfen und sie generell ungern Medikamente einnehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schmerzpatienten sich nicht in regelmäßiger Betreuung durch einen Arzt befinden. So suchen zu Studienbeginn 83 Prozent einen Arzt auf, um ihre Schmerzen behandeln zu lassen. Am Studienende sind es nur noch 70 Prozent. Nur 2 Prozent waren innerhalb des Jahres bei einem Schmerzspezialisten.

Schmerzen kontrollieren den Alltag

Die starken und nicht adäquat gelinderten Schmerzen schränken die Lebensqualität der Befragten stark ein. So berichten am Studienende 6 von 10 Patienten, dass der Schmerz ihr Leben kontrolliert. Viele alltägliche Dinge wie Hausarbeit, Autofahren, Sport, religiöse Aktivitäten oder Kochen sind bei dem Großteil der Befragten aufgrund der Schmerzen am Studienende gar nicht, weniger oder nur mit Hilfe möglich.

Auch die Konsequenzen für das Berufsleben sind enorm. 65 Prozent haben Angst, frühzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden zu müssen. 38 Prozent mussten bereits die Arbeitsweise ändern, ein Drittel die wöchentlichen Arbeitsstunden reduzieren und 15 Prozent die berufliche Position ändern. Hinzu kommt eine hohe psychische Belastung. Zwei Drittel leiden aufgrund der Schmerzerkrankung an Depressionen und Angstzuständen. Fast die Hälfte der Befragten fühlt sich bei ihrem Kampf gegen den Schmerz allein gelassen. Zirka zwei Drittel haben das Gefühl, von ihren Mitmenschen aufgrund der Schmerzen anders behandelt zu werden. Ein Drittel berichtet, dass sich der Freundeskreis durch die Schmerzen verkleinert hat. 28 Prozent fühlen sich phasenweise so, als wollten sie sterben.

Fazit

Alarmierend viele Menschen in Europa leiden an nicht ausreichend kontrollierten starken Schmerzen. PainSTORY dokumentiert auf einzigartige Weise, welchen Einfluss diese starken chronischen Schmerzen auf die Lebensqualität von Schmerzpatienten haben. Das Ergebnis ist nach Meinung von Schmerzexperten ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem. Schmerzpatienten brauchen eine engmaschige, interdisziplinäre Betreuung durch qualifizierte Ärzte und Pflegekräfte. Diese können die Situation des Schmerzkranken kompetent und individuell diagnostizieren, eine adäquate, stark wirksame und gut verträgliche Schmerztherapie durchführen, den Therapieerfolg regelmäßig überprüfen und gegebenenfalls die Therapie inklusive der Medikation anpassen. Schmerzkranke müssen zudem ermutigt werden, mit ihrem Arzt regelmäßig über die Schmerzen sowie auch über eventuelle Nebenwirkungen der Therapie zu sprechen. Die aufgezeigten Missstände und der dokumentierte Leidensdruck sollen für die massive Beeinträchtigung Schmerzkranker sensibilisieren.

Über PainSTORY

PainSTORY bestand aus 4 Erhebungswellen in Form von Telefoninterviews zwischen April 2008 und Mai 2009. Alle Patienten, die an der Studie teilngenommen haben, waren mindestens 18 alt und litten seit wenigstens 3 Monaten an Nicht-Tumorschmerzen, verursacht durch Osteoarthritis, Rückenleiden, Osteoporose, neuropathische Schmerzen oder Mischformen. Ihre Schmerzintensität betrug auf einer Numerischen Ratingskala (NRS 0 = keine Schmerzen, 10 = stärkste vorstellbare Schmerzen) mindestens NRS 5.  Erfasst wurden Informationen zur Situation des Patienten, zu seiner Schmerztherapie und zu Veränderungen von Erhebungswelle zu Erhebungswelle. Zwischen den 4 Wellen gab es 3 Aktivitätsphasen. Diese gaben einen sehr persönlichen Einblick in den „Schmerz-Alltag“ der Befragten. Sie führten Tagebücher, schrieben Erlebnisberichte und zeichneten. So hielten sie sehr subjektiv und emotional Momente aus ihrem Leben als Schmerzkranke fest.

Vergleiche der Daten aus den Erhebungswellen zeigen darüber hinaus, wie sich der Einfluss des Schmerzes auf den Alltag und auf den Umgang mit dem Schmerz innerhalb eines Jahres verändert hat.

Die Umfrage wurde von dem unabhängigen Marktforschungsinstitut Ipsos MORI in Zusammenarbeit mit  der European Federation of IASP Chapters, dem World Institute of Pain und OPEN Minds durchgeführt und von Mundipharma International Limited unterstützt.

Internet: www.painstory.org

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