Chronifizierung

Wenn der Schmerz sich verselbständigt

Schmerz kann bei fehlender Therapie im "Gedächtnis" bleiben

Der akute Schmerz ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der zwar unangenehm, aber überlebenswichtig ist, weil er Gefahren signalisiert:

Je nach Schmerzursache wird der Finger von der spitzen Nadel weggezogen oder der aufgeschlagene Ellenbogen geschont. Heilt die Wunde und verschwindet damit die Ursache des akuten Schmerzes, bessert sich dieser in der Regel wieder.

Aus dem akuten Schmerz kann sich jedoch auch ein chronischer Schmerz entwickeln, der seine Warnfunktion verloren hat. Experten gehen von einer Chronifizierung und damit von einer eigenständigen Erkrankung aus, wenn die Beschwerden länger als sechs Monate vorliegen. Die Ursache sind Veränderungen im Schmerzverarbeitungssystem.

Andauernder Schmerz kann im "Gedächtnis" bleiben

Dauert der akute Schmerz über eine längere Zeit an, beispielsweise weil die Ursache bestehen bleibt und eine effektive Schmerztherapie fehlt, kann das komplexe System der Schmerzentstehung auf verschiedenen Ebenen sensibilisiert werden. So erhöhen die ständigen Schmerzreize die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren. Zudem werden die Funktion und der Aufbau spezieller Nervenzellen für die Schmerzverarbeitung auf Dauer verändert, so dass diese ständig aktiv und leichter erregbar sind.

In Folge dieser Veränderungen kann die Schmerzempfindung bestehen bleiben, auch wenn keine Ursache mehr vorliegt – es entsteht ein "Schmerzgedächtnis". Oder an sich harmlose Reize, wie eine Berührung, werden schmerzhaft wahrgenommen. Auch ein Teufelskreis aus Schmerzen des Bewegungsapparates und Schonhaltung kann dazu beitragen, dass sich der Schmerz verstärkt oder sogar verselbständigt.

Chronische Schmerzen haben schwerwiegende Folgen

Diese chronischen Schmerzerkrankungen sind mit einem hohen Leidensdruck für die Betroffenen verbunden. So zeigte der "Pain in Europe Survey", in dem zwischen Oktober 2002 und Juni 2003 mehr als 46.000 Menschen aus 16 europäischen Ländern zu chronischen Schmerzen befragt wurden, dass im Durchschnitt jeder fünfte Erwachsene in Europa (19 Prozent) chronische Schmerzen hat; in Deutschland waren es 17 Prozent. Die Beschwerden lagen im Durchschnitt bereits seit sieben Jahren vor, 21 Prozent der Befragten hatten sie sogar seit mehr als 20 Jahren. Ein Drittel litt rund um die Uhr unter Schmerzen - also 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Jeder fünfte Betroffene hatte aufgrund seiner Erkrankung bereits einmal den Arbeitsplatz verloren. Darüber hinaus entwickelte sich bei einem Fünftel als Folge der chronischen Schmerzen eine Depression. Und etwa jeder Sechste empfand die Schmerzen als so schlimm, dass er nicht mehr leben wollte.

Frühe Schmerztherapie wirkt chronischem Schmerz entgegen

Um diese schwerwiegenden Folgen der chronischen Schmerzen zu verhindern, gilt inzwischen als anerkannt, dass akute Schmerzen so früh und so effektiv wie möglich behandelt werden müssen. Bei starken Schmerzen kommen zum Beispiel Opioide zum Einsatz, die an die Opioid-Rezeptoren des körpereigenen Schmerzhemmsystems binden. Denn die Anwendung von Schmerzmitteln kann den Umbauprozessen entgegenwirken, die zur Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses führen. Darüber hinaus ermöglichen sie ein Höchstmaß an Beweglichkeit und Aktivität und damit eine gezielte Therapie wie beispielsweise Krankengymnastik bei Schmerzen des Bewegungsapparates.

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Wie entsteht der Schmerz?

Die Entstehung von akutem Schmerz basiert auf komplexen Wechselwirkungen zwischen Botenstoffen und Nervenzellen.

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Schmerzen - wo sie herkommen

Akute Schmerzen können überall dort auftreten, wo Körpergewebe geschädigt wird. Chronische Schmerzen betreffen hingegen vor allem den Bewegungsapparat.

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